Ein Artikel von Prof. Dr. Jacob Thiessen (Fachbereichsleiter Neues Testament & Rektor der STH Basel)
Einführung
Die Suche nach dem genauen Ort, wo das Kaiphas-Grab gefunden wurde, hat mich aufgrund von Recherchen angeregt, mich weiter mit der „Kaiphas-Familie“ zu beschäftigen. Bei weiteren Recherchen bin ich immer wieder auf spannende Aspekte gestoßen. Im Folgenden möchte ich das Ergebnis teilen und auch kurz auf das Problem des Umgangs mit der Macht ansprechen.
Grab-Funde der Kaiphas-Familie
Im Jahr 1990 wurde im „Friedenswald“ (Jaar HaSchalom) auf der Südseite der Altstadt von Jerusalem (Nord-Talpioth bei der Haas-Promenade) sechs Ossuarien (Knochensärge) gefunden, wovon eines mit der doppelten Inschrift „Joseph bar Kaiapha“ bzw. „Joseph bar Kaipha“ versehen ist. Die enthaltenen Knochen zeigen, dass die verstorbene männliche Person aus dem 1. Jh. n. Chr. ca. 60 Jahr alt wurde. Das (prächtige) Ossuar befindet sich heute im Israel-Museum. Zudem enthalten die Ossuarien die Gebeine einer erwachsenen Frau sowie von vier Kindern. Mindestens ein weiteres Ossuar scheint in einer Inschrift den (Familien-)Namen „Kaiapha“ zu enthalten. Josephus Flavius (37/38 – ca. 100 n. Chr.) spricht in Bezug auf den neutestamentlichen Hohepriester Kaiaphas (so die Schreibweise bei Josephus und im Neuen Testament, wobei das Schluss-S die griechische Schreibweise darstellt ) von „Joseph, der auch Kaiaphas [genannt wird]“ (Ant 18,35) bzw. von „Joseph, der zusätzlich Kaiaphas genannt wird“ (Ant 18,95), sodass wir davon ausgehen können, dass es sich bei „Joseph bar Kaiapha“ um den neutestamentlichen Hohepriester Joseph Kaiaphas handelt. „Kaiaphas“ war somit der „Familienname“ (eventuell eine „Berufsbezeichnung“ oder Spitzname der Familie). Im Juli 2011 wurde der Öffentlichkeit ein Ossuar präsentiert, das drei Jahre zuvor von Grabräubern aus einer Grabhöhle im Elah-Tal bzw. Terebinthental (vgl. 1. Sam 17,2.19; 21,10) gestohlen worden war und der Inschrift zufolge „Miriam/Mariam, Tochter des Jeschua [Jesus], Sohn des Kaiapha, Priester [von der Abteilung des] Maasja vom Haus Imris/von Bet Imri“ gehörte. Demnach gehörte die Kaiphas-Familie zu den Nachkommen des Priesters Maasja (vgl. 1. Chr 24,18). Miriam könnte eine Enkelin des neutestamentlichen (Joseph) Kaiaphas sein oder aber Jeschua (Jesus) ist sein Bruder, sodass Miriam in dem Fall eine Nichte des Hohepriesters Joseph Kaiaphas wäre. Mit dem Grabfund haben wir vielleicht ein Zeugnis dafür, dass auch die Angehörigen der hohepriesterlichen Familie, die zu den Sadduzäern gehörte (vgl. Apg 5,17), bei der Katastrophe von 70 n. Chr. in den Westen des Landes zogen.

Kaiaph in der Mischna und die Kathairos- bzw. Kathros-Familie
Der neutestamentliche Kaiphas bzw. (genauer) Kaiaphas (Hohepriester von 18–36 n. Chr.) wird allgemein der Hannas-Familie zugerechnet, da Kaiphas ein Schwiegersohn des Hannas (Hohepriester von 6–15 n. Chr.) war. In der Mischna ist in mPara 3,5 in den bedeutenden Handschriften von „Elioënai/Eljoënai [Elionaios/Elioneus], Sohn des Kaiaph“ (hebräisch: haqqayyaph = aramäisch: qayyapha), die Rede. Einzelne Handschriften schreiben stattdessen: ben hakkoph = „Sohn des Affen“ bzw. ben hakkuph = „Sohn des Kuf/Nadelöhrs“ (je nach Punktierung). Dabei handelt es sich um eine kleine sprachliche Anpassung von ben hakkayyaph = „Sohn des Kaiaph“ (Buchstabe Waw statt Yod – so z. B. oft in Qumran-Texten). Diese könnte zynisch gemeint sein, da die (sadduzäischen) hohepriesterlichen Familien nicht beliebt waren; es kann sich aber auch (wie z. B. in Qumran-Texten) um eine einfache Vertauschung der fast gleich aussehenden Buchstaben handeln. Der Hohepriester Elioënai (ca. 43–45 n. Chr.) wird bei Josephus in Ant 19,342 als „Elionaios, Kind des Kithairos [= Kantheras]“ bezeichnet. Demnach entzog Agrippa I., Enkel von Herodes dem Großen, dem Hohepriester Matthias, Sohn des Hannas I. und Schwager des neutestamentlichen Kaiphas, das Amt und übergab es dem Elionaios. In Ant 20,16 spricht Josephus vom gleichen Hohepriester und erwähnt dabei, dass dieser „zusätzlich Kantheras genannt wird“. Darum wird Elionaios allgemein der Kantheras-Familie zugerechnet. Ich vermute, dass Kithairos mit Kathros identisch ist. Aufgrund von einer Inschrift wird das „Verbrannte Haus“ im jüdischen Viertel der Altstadt von Jerusalem der (hohepriesterlichen) Familie des Kathros (קתרוס) zugeordnet. Wenn diese Familie demnach mit der Kaiphas-Familie identisch ist und wenn Hannas in der Villa wohnte, die heute als „Wohl-Museum“ bekannt ist, würde das bedeuten, dass die Villen der zwei Familie nur ca. 30 m voneinander entfernt lagen. Wie Joh 18,12ff. voraussetzt, residierten Hannas und Kaiphas zumindest am gleichen „Hof“ (vgl. Joh 18,15: „Hof des Hohepriesters“), möglicherweise auch in der gleichen Villa (die erwähnte Villa war mehrstöckig). In Ant 19,313 spricht Josephus von dem Hohepriesteramt des Simon Kantheras. Dieser wird in Ant 19,297 als „Simon des Boethos, der den Zusatznamen ‚Kantheras‘ hatte“, beschrieben (vgl. Ant 17,78; Bell 5,528). Simon war somit wohl über seine Mutter ein Enkel des ehemaligen Hohepriesters Beothos und gehörte gleichzeitig zur Kantheras-Familie. Schwartz folgert, dass Simon ein Bruder der Hohepriester Elionaios ben Kithairos/Kantheras/Kaiaphas und Joseph Kaiaphas war.

Die Kathros-Familie im Talmud
Die Familie (bzw. das „Haus“) des Kathros wird im Babylonischen Talmud in bPes 57a mit anderen hohepriesterlichen Familien erwähnt:
«Wehe mir wegen des Hauses Boethos, wehe mir wegen ihrer Stöcke; wehe mir wegen des Hauses Channin (Hannas), wehe mir wegen ihrer Verleumdungen; wehe mir wegen des Hauses Kathros, wehe mir wegen ihrer Verleumdungen; wehe mir wegen des Hauses Jischmael [Ismael] ben Phiabi (Phiachi), wehe mir wegen ihrer Schlägerei! Denn sie sind Hohepriester, und ihre Söhne Schatzmeister, ihre Schwiegersöhne Treuhänder, und ihre Sklaven schlagen mit Keulen auf das Volk ein». (vgl. TosMen 13,21)
Dafür, dass die Kathros-Familie mit der Kaiaphas-Familie bzw. der Kithairos-/Kantheras-Familie identisch ist, spricht auch, dass in bPes 57a (= TosMen 13,21) die Kathros-Familie nach der Hannas-Familie genannt wird. Dazu kommt, dass Jischmael ben Phiabi in mPara 3,5 nach Elioënai/Eljoënai, Sohn des Kaiaph, genannt wird, während in bPes 57a sein „Haus“ nach dem „Haus des Kathros“ genannt wird. Zu beachten ist auch, dass z. B. Josephus keine Kathros-Familie nennt und dass in den Listen der Hohepriester von 37 v. Chr. (Beginn der Herrschaft des Herodes) bis 66 n. Chr. (Beginn des Römischen Krieges) keine Kathros-Familie erscheint. In bYev 15b erscheint die „Familie des Hauses des Kuppai (קופאי) von ben Mekoschesch/von dem Sohn des Sammlers, dass sie Kinder der Bedrängnisse d. h. von Konkubinen sind, und von ihnen sind Hohepriester, die auf dem Altar dienen“. Der Text findet sich auch in TosYev 1,10 (woher er im Talmud wohl übernommen wurde), wobei allerdings von der „Familie des Hauses des Kaiapha (קיפאי/קיפא)“ die Rede ist. Demnach ist „Kuppai“ eine Variante von „Kaiapha“ (aramäisch für „Kaiaph“). Das könnte die Annahme bestätigen, dass der „Familienname“ vom Wort für „Korb“ (קוּפָּה) abgeleitet ist.
Die Sadduzäer und der Umgang mit der Macht
Wie aus Apg 5,17 deutlich wird, war Kaiphas ein Sadduzäer. In Ant 20,199 beschreibt Josephus Hannas II., Sohn des Hohepriesters Hannas I. und Schwager des Hohepriesters Kaiphas, als zur „Partei/Schulrichtung der Sadduzäer“ gehörend, „die, wie wir schon bemerkten, bei der Verurteilung von Straftätern grob sind, mehr als alle anderen Juden“. In Bell 2,166 beschreibt Josephus die Pharisäer als solche, die zueinander freundlich und in Bezug auf die Gemeinschaft auf die Eintracht bedacht sind, während bei den Sadduzäern „die Sitten untereinander wilder“ sind, und „die Verhaltensweisen gegenüber von den Nahestehenden [vgl. Bell 4,389] sind grob wie zu Fremden“. Und nach Ant 13,294 „neigen die Pharisäer [im Gegensatz zu den Sadduzäern] tatsächlich auch bei anderen Gelegenheiten nicht dazu, strenge Strafen zu verhängen“. In 1. Kor 2,8 erklärt Paulus, dass die „Herrscher dieses Zeitalters“ Jesus nicht gekreuzigt hätten, wenn sie ihn als „Herrn der Herrlichkeit“ erkannt hätten. Der Grund der Anklage Jesu vor Pilatus durch den jüdischen Hohen Rat, dessen Vorsitzende damals der Hohepriester Kaiphas war, lautet: „Gotteslästerung“, weil er erklärte, dass er Gott gleich sei. Erst vor Pilatus kam als Anklage dazu, dass Jesus behaupte, „Messias-König“ zu sein (Lk 23,2). Für den sadduzäischen Hohepriester Kaiphas war der politische Aspekt der Anklage wohl zentraler als der religiöse/geistliche Aspekt, während für manche Pharisäer im Hohen Rat (Sanhedrin) der religiöse Aspekt sicher zentraler war.
Jesus und die Macht
Als die Jünger Jesu darüber diskutierten, wer von ihnen der Größte sei, antwortet Jesus ihnen nach Mt 20,25-27: „Ihr wisst, dass die Herrscher der Nationen sie beherrschen und die Großen Gewalt gegen sie üben. Unter euch wird es nicht so sein; sondern wenn jemand unter euch groß werden will, wird/soll er euer Diener sein, und wenn jemand unter euch der Erste sein will, wird/soll er euer Sklave sein.“ Jesus lehnt einen Machtanspruch, der schlussendlich egoistisch geprägt ist, sowohl aus politischen als auch aus religiösen Gründen ab. Es sind nach der Seligpreisung in Mt 5,8 die „Friedensstifter“, welche die Erde erben werden. Es wird der Christenheit sehr gut tun, dass noch mehr zu beachten. Nur so können wir ein echtes Zeugnis für die Welt sein und den wahren Frieden Jesu verbreiten.
– Jacob Thiessen






