Ein Bericht von Prof. Dr. Jacob Thiessen (Fachbereich Neues Testament, Rektor der STH Basel)
Einführung
Geplant war, dass meine Frau Dorothée und ich im Januar 2024 einen ganzen Monat für einen Forschungsaufenthalt in Israel (Jerusalem) verbringen. Alles vor gebucht, und dann kam der Oktober 2023, der vieles auf den Kopf stellte. So musste der Aufenthalt verschoben werden. Im Februar 2025 konnten wir die geplante Israel-Studienreise nach einer Verschiebung von einem Jahr durchführen (wofür ich bis heute sehr dankbar bin, weil das ein ganz spezielles Erlebnis war), aber der geplante „private“ Aufenthalt musste nochmals verschoben werden. Im Januar 2026 konnte er nun endlich durchgeführt werden. Allerdings wurde er aus verschiedenen Gründen auf 13 Tage verkürzt und inhaltlich etwas angepasst. So waren meine Frau und ich vom 29.12.2025 11.01.2026 in Israel (Jerusalem). In der ersten Woche haben Dr. h. c. Andreas Späth und Prof. Dr. Gerald Mann uns begleitet.
Steiler Einstieg
Wir hatten für die Zeit in Israel ein Auto gemietet, um möglichst viel „erkunden“ zu können. Etwas verspätet konnten meine Frau und ich am 29. Dezember das Auto beim Flughafen von Tel Aviv entgegennehmen. Wir hatten ein Navigationssystem dabei, fanden aber keinen passenden Anschluss für das Kabel. So fuhren wir an dem Abend ohne ein funktionierendes Navigationssystem in Richtung Jerusalem los. Gebucht hatten wir im Deutschen Hospiz St. Charles in der Nähe der Altstadt von Jerusalem.

Ich wusste, in welcher Gegend sich das Hospiz befindet, aber es in der Nacht ohne Navigationssystem zu finden, war nicht möglich, das war mir klar. So kam irgendwann die Idee, einen Taxifahrer zu fragen, ob er uns bis zum Hospiz begleiten würde. Mein Ziel war somit, möglichst naher heranzukommen, um nicht zu viel für das Taxi zahlen zu müssen. Als wir irgendwo in Jerusalem am Strassenrand anhielten, kam tatsächlich gleich an Taxi, das im Kreisverkehr in die unsere Strasse abbog. Ich hielt es an, und so wurden wir zur Lloyd George Street geführt, wobei es sich um eine Einbahn-Strasse handelt, dessen Einfahrt aufgrund von Arbeiten gesperrt war. Der Taxifahrer verabschiedete sich, und wir versuchten weiter, einen Zugang zum Hospiz zu finden, hatten dann aber wieder etwas die Orientierung verloren.

Schlussendlich kamen wir um 22 Uhr an, wurden aber gleichwohl noch freundlich aufgenommen. Es gab noch ein weiteres Problem. Wir sollten den Aufenthalt in dem Hospiz bar in Euro bezahlen. Unterwegs zum Hospiz habe ich den Eindruck bekommen, ich könnte das Geld für die Unterkunft verloren haben. So teilte ich es der Schwester, die uns im Hospiz empfing, mit. Sie meinte ein paarmal in aller Ruhe, ich würde das Geld schon finden. Als ich im Zimmer meinen Koffer öffnete, lag das Geld (in einem Pass-Täschchen) oben im Koffer. Bei der Entgegennahme des Autos am Flughafen hatte ich den Koffer geöffnet, um das Navigationssystem herauszunehmen, und dabei war das Täschchen wohl (aus der Hemdtasche) in den Koffer gefallen. So konnten wir den Tag doch noch dankbar abschliessen.
Archäologische Führungen bei der Davidsstadt
Am ersten Tag nach der Ankunft erwarteten uns zwei „private“ archäologische Führungen um die Davidsstadt. Zuerst empfing uns der Archäologe Dr. Nashon Szanton beim Schiloach-Becken auf der Südseite der Davidsstadt, wo er für die neuen Ausgrabungen am großen Becken, das gegenüber vom Schiloach-Becken liegt, zuständig ist. Bei dem großen Becken wurde neuerdings ein Damm entdeckt, der allgemein ins 8 Jh. v. Chr. datiert datiert wird. Wie Klimadaten zeigen, begann um 850 v. Chr. in der Gegend für 200 Jahre eine trockene Periode, und die Ausgrabungen zeigen, dass man durch ein ausgeklügeltes System dem Wassermangel entgegenwirkte. Gegen Ende des 8. Jh. v. Chr. ließ König Hiskia den „Hiskia-Tunnel“ bauen (mit einer Länge von 533 m und einem Gefälle von insgesamt 32 cm, also 0,6 mm pro Meter), um das Wasser von der Gihon-Quelle zum Schiloach-Becken zu lassen. Nashon Szanton erklärte uns die Entdeckungen, und anschliessend begleitete er uns durch die antike Pilgerstrasse, die vom Schiloach-Becken zum Tempelberg führt. Dabei erklärte er uns, wie der Bericht über die Heilung des Blinden in Joh 9 nicht nur die Kenntnis der historischen Gegebenheiten vor Ort voraussetze, sondern auch die Kenntnis des Alten Testaments und der jüdischen Tradition. Anschliessend empfing uns der Archäologe Christopher Eames und führte uns durch die Ausgrabungen am Ofel auf der Südseite des Tempelbergs. Dabei erklärte er uns die verschiedenen Epochen, die inzwischen ausgegraben wurden, wobei die ältesten Mauern aus der Zeit Salomos stammen. Christopher Eames nimmt an, dass es sich bei dem Tor aus der Zeit Salomos nicht um ein Vier-Kammer-Tor handelt, wie zum Teil angenommen wird, sondern um ein Sechs-Kammer-Tor. Solche Sechs-Kammer-Tore sind aus der Zeit Salomos bekannt (in Hazor, Meggido und Geser; vgl. 1. Kön 9,15; vgl. auch Hes 40,21).

Erlebnistag in Galiläa
Unser Ziel am zweiten Tag war zuerst die Ausgrabungsstätte El Araj an der Nordseite vom See Genezareth und auf der Ostseite des Jordan-Flusses. Dieser Ort, der seit 2012 ausgegraben wird, wird nun mit dem neutestamentlichen Bethsaida identifiziert. Die Lokalisierung passt gut zur Beschreibung von Bethsaida bei Josephus. Unterwegs dorthin hielten wir in Magdala (Migdal) auf der Westseite des Sees an. Auf der Suche nach El Araj fuhren wir durch Feldwege, die nach dem Regen etwas matschig waren, wobei wir uns für die letzten ca. 700 m zu Fuß auf den Weg machen mussten. Tatsächlich fanden wir die Ausgrabungsstätte. Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei um den Herkunftsort von vier Aposteln Jesu handelt, und zwar der zwei Brüderpaare Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes, den Zebedäus-Söhne. Nachmittags fuhren wir weiter auf den Berg Tabor (ca. 580 m ü. d. M.), wobei wir unterwegs kurz bei den Ausgrabungen von Chorazin (ca. 4 km nördlich von Kapernaum) anhielten. Der Tabor liegt am Rand der (fruchtbaren) Jesreel-Ebene und in der Nähe von Nazareth, das man mit dem Felsen am Südrand vom Tabor aus sehr schön sieht. Vom Tabor aus sieht man u. a. den Hügel More (vgl. Ri 7,1) gut, und auch bis zum Gebirge Gilboa, wo Saul und seine Söhne starben, kann man schauen.

Herodion, Tel Moza und Besuch bei Gerloffs
Unser nächstes Ziel war ein Besuch des Herodion östlich von Bethlehem, wo König Herodes der Grosse bestattet wurde (der Sarg, der heute im Israel-Museum von Jerusalem steht, wurde 2007 von Ehud Nezer am Nordhang des Herodion gefunden). Unterwegs dahin hielten wir im „Friedenswald“ (Ja’ar HaSchalom) südlich von der Jerusalemer Altstadt, wo eine Grabesstätte mit einem Ossuar mit der Inschrift „Joseph ben Kaiaphas“ gefunden wurde.

Das Ossuar befindet sich heute ebenfalls im Israel Museum. Durch Josephus Flavius erfahren wir, dass der neutestamentliche Kaiphas mit Vornamen „Joseph“ hieß. Leider wurden die Hinweise auf die Grabesstätte inzwischen entfernt. Immerhin hat mich das angeregt, weiter in Bezug auf Kaiphas zu recherchieren, und nach und nach bin ich zu erstaunlichen Entdeckungen und Erkenntnissen in Bezug auf die Familie des Kaiphas gekommen. Oben auf dem Herodion gibt es inzwischen auf einem der „Türme“ eine Rundgang-Möglichkeit, von wo aus man eine sehr schöne Aussicht hat. Vom Herodion fuhren wir nach Tel Moza, um dort die Ausgrabungen aufzusuchen. Die STH Basel hat an dem Ort unter der Leitung von Carsten Peter Thiede in den Jahren 2001 und 2004 Ausgrabungen durchgeführt. Thiede ging davon aus, dass es sich bei dem Ort um das Emmaus von Lk 24,13 handelt. Der Ort heißt z. B. bei Josephus Flavius „Emmaus“ (von HaMoza abgeleitet), wobei er Josephus zufolge 30 Stadion von Jerusalem entfernt liegt (Bell 7,217). Es ist wahrscheinlich, dass in Lk 24,13 dieses Emmaus gemeint ist, zumal bei Lukas von einem „Dorf“ die Rede ist, nicht von einer „Stadt“. Mit den 60 Stadien sind demnach Hin- und Rückweg berechnet. Am späteren Nachmittag besuchten wir Johannes und Christa Gerloff in ihrer Wohnung. Zum Abendessen in Jerusalem kam der Archäologe Prof. Dr. Yosef Garfinkel, der uns je ein Exemplar seines Buches „Salomon’s Temple and Palace“ schenkte (mit Widmung). Yosef Garfinkel war u. a. für die Ausgrabung bei Chirbet Qeiyafa (Schaarajim = „Doppeltor“) zuständig. Die Ausgrabungsstätte liegt in der Nähe des „Terebintentals“ (Ela-Tal), wo David den Philister Goliat tötete (siehe 1. Sam 17). Die Datierung zeigt, dass der Ort (mit zwei Stadt-Toren) auf die Zeit von König David zurückgeht.


Ausflug zum Timna-Park im Süden
Am 2. Dezember machten wir uns auf den Weg in den Süden. Wir fuhren über Tel Beerscheba und Mizpe Ramon (im Negev) bis Eilat, wo wir eine Nacht gegenüber von Aqaba (Jordanien) verbrachten. Am nächsten Morgen ging die Reise weiter zum Timna-Park, wo u. a. viele Kupferminen aus der Zeit um 1400 bis 1200 v. Chr. gefunden wurden. Auch landschaftlich ist der Park sehr beeindruckend. Die Fahrt geht dann weiter durch die Araba-Ebene und Arad zur West-Rampe von Masada. Nach dem Aufstieg und dem kurzen Besuch von Masada bekamen wir bei Sonnenuntergang noch kurz Einlass bei Tel Arad. Die weitere Rückfahrt nach Jerusalem führte uns am Jattir-Wald, an Hebron und Bet Jala (westlich von Bethlehem) vorbei.


Labor für Qumran-Rollen
Wieder in Jerusalem angekommen, hatten wir am folgenden Tag einen Sonderempfang beim Labor der Israel Antiquities Authority für Qumran-Rollen. Dr. Joe Uziel, Leiter der Abteilung, zeigt uns einzelne Fragmente aus den Qumran-Höhlen und erklärt ihre Bedeutung. Zwei Mitarbeiterinnen zeigen uns den Umfang der Arbeit in den Räumen, und es gibt eine Einführung in die Methoden der Untersuchung solcher Fragmente. Erstaunlich, welche Möglichkeiten es diesbezüglich inzwischen gibt.



Besuch von Vorlesungen an der Hebräischen Universität
Am 5. Januar besuchte ich zwei Vorlesungen an der Hebräischen Universität auf dem Skopusberg (Nordseite vom Ölberg) von je 90 Minuten; eine bei beim Talmud-Professor Dr. Yair Furstenberg und eine beim Josephus-Spezialisten Prof. Dr. Daniel R. Schwartz, dessen Frau eine Jüdin aus Basel ist. Bei Daniel Schwartz und seiner Frau waren wir zudem zu einem Abendessen eingeladen. Dabei konnte ich ihn u. a. fragen, wie er die Verbindung von Elioenai/Eljoenai (Elioneaios), Sohn des Kaiaph in mPara 3,5 und Elionaios (Elioneus), Kind des Kithairos [= Kantheras] bei Josephus in Ant 19,342 zum neutestamentlichen Hohepriester Kaiphas sieht. Schwartz meint, dass es sich um die gleiche Familie handelt, und verweist auf einen Aufsatz von Robert Brody, der darüber im Anhang des Buches „Agrippa I.“ von Schwartz (Verlag Mohr Siebeck) geschrieben hat. Ich vermute, dass Kithairos identisch ist mit Katros, dessen (hohepriesterliche) Familie einer Inschrift zufolge das „Verbrannte Haus“ in Jerusalem gehörte.


Weitere Ausflüge und Besuche
Zweimal fuhren wir in die Gegend vom Totes Meer, wo wir u. a. die antike Synagoge von En Gedi aufsuchten. In der Altstadt von Jerusalem besuchten wir u. a. das Museum an der „Davidszitadelle“, wo einst der gewaltige Herodes-Palast stand, in dem Jesus vor Pilatus verklagt wurde. Bei unserem Spaziergang zur Israelischen Bibelgesellschaft an der Jaffa-Straße 17 in Jerusalem trafen wir den STH Absolventen Michael Weber, der neu dort an zwei Tagen pro Woche arbeitet. Ansonsten arbeitet er mit seinem Schwiegervater Marcel Rebiai zusammen bei „Gesher“ („Brücke“), um die christlichen Gemeinden im Land zu unterstützen. Sowohl bei Marcel und Regula Rebiai als auch bei Michael und Hanna Weber waren wir zu einem Abendessen eingeladen. Dabei haben wir einiges über die Situation der christlichen Gemeinden in Israel erfahren. An einem Sonntag war ein Besuch der „Christ Church Jerusalem“ (englisch), die sich in der Altstadt in der Nähe vom Jaffa-Tor befindet, auf dem Programm, und an einem Samstag der Besuch des Gottesdienstes der „Messianischen Versammlung Jerusalem“ (hebräisch mit englischer Übersetzung) an der „Prophetenstraße“ (HaNevi’im 56). Zudem besuchten meine Frau Dorothée und ich die Internationale Christliche Botschaft in Jerusalem. Dort trafen wir den Präsidenten Dr. Jürgen Bühler und seine Frau Vesna. Sie haben sich viel Zeit für uns genommen, und wir hatten einen sehr guten Austausch.


Schlussbemerkungen
Insgesamt sind wir in den 13 Tagen mit dem gemieteten Auto 1647 km gefahren, wobei wir an einigen Tagen in Jerusalem vor allem zu Fuß unterwegs waren. Das Wetter war sehr gut und passend. Wir hatten sogar in Jerusalem bis zu 23 Grad, und als es mal etwas stärker regnete, hatten wir keine Aktivitäten im Freien geplant. Beachtet man, dass es vor unserem Besuch und im Anschluss daran starke Winde und Regenfälle gab, so ist das keine Selbstverständlichkeit. Wir geben Gott die Ehre und den Dank dafür. Dorothée, die vor dem Hinflug größere Rückenschmerzen hatte, konnte gut mitmachen, und die Rückenschmerzen sind verschwunden. Wir sind sehr dankbar für Gottes wunderbare Führung. Die Reise hat mir als Bibelleser und Neutestamentler sehr viel gebracht, wofür ich dankbar bin. Einiges wird meine Forschung weiter anregen. Ich danke den Begleitern Andreas Späth und Gerald Mann für ihre tolle Ergänzung, und Alexander Schick gilt unser herzliches Dankeschön für seine Unterstützung aus der Ferne (u. a. durch Vermittlung). Die Bildungsreise hat für mich einen bleibenden Wert. Dankbar sind wir
für alle Fürbitte und für Gottes gnädige Führung.
– Jacob Thiessen





