Bericht zum neutestamentlichen Studientag «Die Entstehung des Christentums im Kontext des Judentums»
von Prof. Dr. Christian Stettler
Am Samstag, 25. April 2026 fand an der STH Basel ein Studientag zum Thema «Die Entstehung des Christentums im Kontext des Judentums» statt. Über 80 Personen nahmen teil, eine Rekordzahl, wie Jacob Thiessen, der Rektor der STH Basel, in seiner Begrüssung sagte.

Das Christentum und die neutestamentlichen Schriften sind von ihrer Entstehung an stark mit dem Judentum verbunden. Jesus und seine Apostel waren Juden. Erst später haben Christen dem Judentum einseitig den Rücken zugewandt. Was bedeutet das für die Entstehung des Christentums und für das Verständnis der neutestamentlichen Schriften? Welchen Einfluss hat «das Judentum» auf die Entstehung des Neuen Testament? Um diese Fragen ging es in den sechs Referaten des Studientags.
Zuerst sprach Roland Deines, Professor für Biblische Theologie und antikes Judentum an der Internationalen Hochschule Liebenzell, über das Thema «Jesus als Nazoräer». Er eröffnete sein Referat mit dem Satz:
Ein Messias kommt selten allein
– will sagen: Auch Jesus stand in einer Familientradition, von der er lernte und geprägt wurde. In den Evangelien wird erwähnt, dass Jesus «aus Nazaret» stammte; zudem wird er oft der «Nazoräer» oder «Nazarener» genannt, was wahrscheinlich nicht dasselbe bedeutet wie «aus Nazaret», sondern vom hebräischen Wort netser = «Spross» kommt, einer Bezeichnung für den Messias (Jes 11,1 u. a.). Vom altkirchlichen Schriftsteller Epiphanius wissen wir, dass es nach Jesus eine judenchristliche Gruppierung gab, die sich «Nazoräer» nannten (vgl. Apg 24,5). Außerdem berichtet er von einer vorchristlichen jüdischen Gruppe mit dem Namen «Nasaräer». Es gab darum immer wieder Versuche, diese beiden Gruppen zu identifizieren. Deines stellte die These in den Raum, dass es sich bei beiden genannten Gruppen um Nachkommen Davids handelt, die aus ihrer Mitte den Messias erwarteten und darum eine eigene Bildungs- und Schriftauslegungstradition pflegten und an ihre Kinder weitergaben. Es gibt Hinweise darauf, dass sie eigene Niederlassungen gründeten, die sie nach zentralen messianischen Erwartungen benannten. Dann wäre Nazaret («Sprossdorf») ein Hinweis auf Jes 11,1 und Kochaba («Sterndorf») auf Num 24,17 (s. Eusebius, Hist Eccl 1,7,14). Die häufige Bezeichnung für Jesus als Nazoräer oder Nazarener könnte dann darauf hindeuten, dass Jesus aus einer solchen Nazoräerfamilie aus Nazaret abstammte. Das besondere Gepräge von Jesus als Lehrer, seine Schriftkenntnis und Schriftanwendung, aber auch die Briefe seiner Brüder Judas und Jakobus lassen sich auf diese Weise erklären. Auch die Hymnen in der lukanischen Geburtsgeschichte (die Lobgesänge Marias und des Zacharias) sowie die Predigt des Täufers geben Einblick in die Familientheologie dieser nazoräischen Gruppe, in der Jesus aufwuchs.

Jörg Frey, Professor für Neues Testament an der Universität Zürich, hielt das zweite Referat mit dem Titel «‹Von den Juden› (Joh 4,22) und ‹für die Welt› (Joh 4,42) – die johanneische Tradition zwischen Judentum und nicht-jüdischer Welt». Er zeigte auf, dass das Johannesevangelium einerseits stark jüdisch geprägt ist, dass es aber auch an die Grenze oder vielleicht sogar über die Grenze dessen geht, was im 1. Jh. n. Chr. jüdisch denkbar und sagbar war – besonders dadurch, dass es Jesus als «Gott» bezeichnet. Die Logos-Christologie des Evangeliums greift jüdische Traditionen über das Wort und die Weisheit Gottes auf, ist also ganz jüdisch gedacht, aber zugleich anschlussfähig für die stoische und mittelplatonische Philosophie, in denen der Logos ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Mit dem Begriff monogenēs = «einzigartig» (Joh 1,14.18; 3,16.18) greift das Evangelium vielleicht sogar einen heidnisch-griechischen Begriff auf.
Michael Jost, Professor für Neues Testament am Institut Protestant de Théologie in Paris, sprach über das Thema: «Zwischen Zugehörigkeit und Abgrenzung: Das Bekenntnis zu Christus in der ‹Within-Judaism›-Debatte». Die Within-Judaism-Debatte läuft auf Hochtouren. Zahlreiche Konferenzen widmen sich dieser Interpretationsperspektive auf die neutestamentlichen Schriften, und eine stetig wachsende Zahl von Publikationen greift das Thema auf. Im Zentrum der aktuellen Diskussion steht vor allem die Frage nach der Identität. Mithilfe des Identitätsdiskurses wird versucht, Zugehörigkeit und Abgrenzung der frühen christlichen Bewegung zu bestimmen. Michael Jost problematisierte diesen Ansatz, da der Identitätsdiskurs häufig von einem modernen Verständnis individueller Identität ausgehe und daher nur bedingt geeignet sei, den sozialen Formierungsprozess der christlichen Bewegung im Kontext des antiken Judentums historisch angemessen zu rekonstruieren. Stattdessen rückte er ein bislang in dieser Debatte weitgehend vernachlässigtes Moment in den Mittelpunkt: das individuell geforderte Bekenntnis zu Christus. Dieses Bekenntnis habe die christliche Bewegung sozial konstituiert und ihr Profil entscheidend geprägt. Exemplarisch zeigte Jost dies anhand der Texte Röm 10,5–13; Mt 10,32f.; Joh 9,18–23 und 1 Joh 4,2f. In seinen abschließenden Thesen plädierte er daher für einen Paradigmenwechsel: Die neue soziale Bewegung des Urchristentums sei zwar innerhalb des Judentums («within Judaism») zu verorten, könne jedoch von ihren Anfängen an als eine im Bekenntnis differenzierbare soziale Größe beschrieben werden.
Die Vorträge des Nachmittags eröffnete Christian Stettler, Titularprofessor für Neues Testament an der STH Basel und Privatdozent an der Universität Zürich, mit einem Vortrag zum Thema «Der Messias Jesus als Gott und der eine Gott Israels: Wie (un-)jüdisch ist die frühe Christologie?». Er führte vor Augen, dass das Bekenntnis zu Jesus als Gott nicht erst eine späte Entwicklung war, sondern schon sehr früh nach Ostern im damals noch rein jüdischen Urchristentum aufkam, wobei Jesus aber immer auch als Mensch und in einem Gegenüber zu Gott dem Vater gesehen wurde. Die Frage, wie es möglich war, den Menschen Jesus als Gott zu bekennen, beantwortete Stettler damit, dass die ersten Judenchristen verschiedene alttestamentliche und jüdische Motive auf Jesus bezogen: nicht nur Traditionen über Menschen, die zu Gott erhöht werden (Propheten, die in Gottes Thronrat eintreten dürfen; der «Menschensohn»-Messias, der mit den Wolken zu Gott kommt), sondern auch Motive, welche die Zuwendung Gottes zu den Menschen beschreiben (der Engel des HERRN, Gottes Weisheit und Wort, Gottes Herrlichkeit und Schekina). JHWH (der «HERR») wurde von manchen Juden als der sich Israel zuwendende, sich offenbarende Gott bezeichnet; wenn im Neuen Testament oft alttestamentliche JHWH-Texte auf Jesus, den «Herrn», bezogen werden, ist dieses Verständnis vorausgesetzt. Die Berechtigung dafür, Jesus als Gott und «HERRN» zu bezeichnen, leiteten die Judenchristen wahrscheinlich von Aussagen und Handlungen Jesu ab, in denen er das tat, was nur Gott tun kann (z. B. «Ich aber sage euch» statt «so spricht der HERR»; Jesus vergibt Sünden). Auch im Alten Testament ist der Messias ein Mensch und hat zugleich göttliche Eigenschaften (Ursprung vor aller Zeit, göttliche Namen «Gott-Held, Ewig-Vater», sitzend zur Rechten Gottes, ewige Herrschaft, Herzensschau, Schwert des Mundes). Die Targumin (aramäische interpretierende Übersetzungen des Alten Testaments) zeigen, dass man im späteren rabbinischen Judentum als Gegenreaktion gegen das Judenchristentum alles Übernatürliche aus den Messiastexten weginterpretierte – der Messias war jetzt nur noch ein Mensch.
Jacob Thiessen, Professor für Neues Testament an der STH Basel, sprach über den «Umgang mit ‹Zweifelhaftem› bei den Mischna-Gelehrten und bei Paulus». In Röm 14,1 spricht Paulus – bei aller Schwierigkeit der Übersetzung – (auch) von «zweifelhaften Überlegungen» (vgl. Röm 14,23). «Zweifelhafte Dinge» werden in der jüdischen Mischna wiederholt thematisiert. Wie gehen die Mischna-Gelehrten mit solchen Fällen um, und wie argumentiert der Apostel Paulus? Um diese Aspekte ging es im Referat. Dabei wurden die Parallelen und auch die Unterschiede zwischen den Mischna-Gelehrten und Paulus aufgezeigt. Ein Unterschied besteht darin, dass Paulus die «zweifelhaften Dinge» zu den «Adiaphora» zählt – d. h. zu den Dingen, die an und für sich weder richtig noch falsch sind –, während gewisse Judenchristen diese Dinge – im Anschluss an jüdische Gelehrte – anders beurteilten. In Bezug auf solche «Adiaphora» spielt für Paulus der durch Jesus Christus gereinigte Verstand bzw. das gereinigte «Gewissen» eine zentrale Rolle, und zwar ganz im Gegenteil zu den Mischna-Gelehrten. Zudem geht es Paulus zentral um die Erbauung aller Gläubigen, womit die gegenseitige Rücksichtnahme verbunden ist.
Der letzte Referent, Daniel Schwartz, Professor emeritus für jüdische Geschichte an der Hebräischen Universität in Jerusalem, konnte leider nicht persönlich anwesend sein. Er hatte sein Referat vorgängig aufgezeichnet und für den Studientag zur Verfügung gestellt. Der Titel lautete: «No Place. No Race. No Law. A Jewish Reading of the Acts of the Apostles». Schwartz argumentierte, dass die Apostelgeschichte nacheinander drei Arten der Definition von «Juden» thematisiert und infragestellt: nach dem Wohnort, der Abstammung und der Einhaltung des jüdischen Gesetzes. Nachdem die Apostel in Kap. 1–5 in Jerusalem bleiben (gemäß dem Auftrag Jesu in Apg 1,4) und ihre Mission zunächst nur bis an die «Grenzen des Landes» (1,8) reicht, wird in Kap. 6–7 Stephanus vorgestellt, ein Jude aus der Diaspora, dessen Rede mit der Bibel begründet, dass Gott überall zu finden ist, Heiligkeit also nicht an einen Ort gebunden ist. Deshalb können die Apostel Jerusalem nach einer Verfolgung verlassen (Kap. 8). Als Nächstes zeigen Kap. 8–9 die Evangelisierung von Menschen zweifelhafter Abstammung (Samaritaner, ein Äthiopier) und stellen Paulus vor, den die Leser als Apostel der Heiden kennen; diese beiden Kapitel werfen somit die Frage auf, ob eine jüdische Abstammung erforderlich ist, und geben in Kap. 10–11 eine eindeutig negative Antwort. Nach einer neuen Verfolgung (Kap. 12) kann deshalb die Mission an jeden Ort und zu jedem Volk gehen (Kap. 13–14, wobei 13,47 das «Ende des Landes» aus 1,8 neu als «Ende der Erde» interpretiert – das betreffende griechische Wort bedeutet wie sein hebräisches Äquivalent sowohl «Land» als auch «Erde»). Dies wirft in die Frage auf, ob nichtjüdische Konvertiten das jüdische Gesetz einhalten müssen; Kap. 15 verneint dies eindeutig. Von da an ist die Kirche nicht mehr an das jüdische Land, die jüdische Abstammung und das jüdische Gesetz gebunden, und Paulus ist frei, überall unter allen Menschen zu wirken und eine Religion zu predigen, die keine Einhaltung des jüdischen Gesetzes erfordert. Es ist der Widerstand der Juden, der Paulus mehrmals dazu bringt, sich von den Juden ab- und den Heiden zuzuwenden (13,46f.; 18,6), bevor er den endgültigen Bruch vollzieht (28,24–28).
Es ist geplant, dass die Beiträge des Studientages in einem Buch veröffentlicht werden.


Weitere Eindrücke der Veranstaltung



















































