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Buch Buchrezension: Mit Freude Theologie studieren und Pfarrer sein

Eine Rezension von Prof. Dr. Harald Seubert, Fachbereichsleiter Philosophie, Religions- und Missionswissenschaft

Armin Sierszyn, Mit Freude Theologie studieren und Pfarrer sein. Eine Hinführung zum evangelischen Theologiestudium. Münster, Wien, Zürich: LIT 2020, IBSN 978-3-643-80314-6, €19,90.

Theologie ist, so formuliert es Armin Sierszyn, der einstige Prorektor und Emeritus der STH Basel, immer wieder, die umfassendste und dadurch auch die schönste Wissenschaft, die sich denken lässt. Sie verbindet philologische, historische und systematische Elemente miteinander. Vor allem aber verbindet sie Theorie und Lehre einerseits, Praxis und Lebensvollzug andrerseits. Sierszyn legt nun als Summe langjähriger Lehrtätigkeit  eine Theologische Enzyklopädie vor, die für den Anfänger geeignet ist, damit er erkennt, was es grundsätzlich mit der Theologie für eine Bewandtnis hat, die aber auch für den Pfarrer im Dienst und in langen Jahren ein Vademecum ist, an dem er immer wieder erkennen kann, worum es geht, wenn die Richtung verlorenzugehen droht. Nicht zuletzt ist dieses Buch eine Wegleitung für die vom Wort Gottes her mündige Gemeinde, die ihre Pfarrer gerecht beurteilen soll, was das Wissen um deren Nöte und um die ungeheure Kraft aus dem Wort Gottes voraussetzt.

Sierszyn beginnt mit einer kristallklaren Bestimmung der ideengeschichtlichen A usgangslage: Er zeigt, dass der Säkularismus eine Dechristianisierung Europas bedeutet. Dies hat gravierende Folgen für die Kirche aber auch für die politische Welt. Besonders bemerkenswert ist es, dass Sierszyn den Triumph einer deistischen oder atheistischen Aufklärung über das Christentum zu Ende denkt. Dies würde einen Sieg des Mythisch-Irrealen und letztlich eine Repaganisierung bedeuten, die die Vernunft mit  in den Abgrund reißen würde, auch wenn die Aufklärer vermeintlich auf diese Vernunft konzentriert sind. In ähnlichem Sinn sprach schon Max Weber von der „Wiederverzauberung“ der entzauberten Welt, die die alten Götter und Dämonen wieder aus ihren Gräbern entsteigen lässt.

So kristallklar Sierszyn als Zeitdiagnostiker argumentiert, ihm geht es nicht um Milieustudien und soziologische Modelle, sondern um die Orientierung am Wort Gottes, seiner Treue und Verheißung. Der Mensch gewordene Gott trägt Theologie und Gemeinde und ohne ihn ist alles Bemühen nichtig. Die Worte von der großen Freude in der Christnacht (Lk 2,10) leiten und durchstimmen alle Theologie. Auch in Schmerz und Anfechtung, in Leid und Scheitern: Diese Freude trägt durch. Deshalb kann Sieryszn, der Christus als Mitte der Schrift versteht, zugleich treffend sagen, dass das Studium der Bibel die Seele aller christlichen Theologie ist.

Anfechtungen und Zweifel verschweigt er nicht. Die Bedrängnis in der Welt kann aber vor dem bewältigt werden, der die Welt überwunden hat (Joh 16,33).  Sierszyn spricht von der Einsamkeit, den Krisen und einer personalen Kompetenz, die sich auch angesichts der Schwierigkeiten und eigenen Unzulänglichkeiten bewähren muss und kann. Dies vertieft er nochmals mit den drei lebensweltlich entscheidenden Dimension des Theologen, in deren Exposition der Reformierte Sierszyn Luther folgt: Oratio (Gebet), Meditatio (die geistige Versenkung, die gerade das Interessante und Neue hinter sich lässt) und Tentatio, die Anfechtung, der man nicht entgehen kann, selbst wenn man es wollte. Ist die ‚Tentatio‘ doch die „Erziehungsschule Gottes“. Sierszyn hat den Mut und das Format, seinen Lesern Ratschläge zu geben. Sie sind das Gegenteil der billigen und fast allgegenwärtigen Ratgeberliteratur. Sie nähern sich der Weisheit des Erfahrenen, der seinen Schüler nicht vor Erfahrungen bewahren will, ihm aber hilft, den ihm zukommenden Erfahrungen standzuhalten. Zu diesem Zweck ist es nötig, sich immer wieder auf die Schrift und ihre Unerschöpflichkeit zu stützen.

Christliche Theologie steht für Sierszyn in der Bundeskontinuität zu der priesterlichen und prophetischen Bundestheologie des Alten Testaments. Die Lebensform des Theologen erfordert auch Charaktereigenschaften, nicht zuletzt den Mut, sich gegen einen wahrheitsrelativistischen Zeitgeist zu stellen, der zunehmend selbst zum Dogma wird und ein stählernes Gehäuse aufrichtet. Doch Sinn und Grund der Theologie ist einzig dies, dass in Jesus Christus das ewige Wort Gottes Fleisch wurde und der Welt Mitte und Ziel gesetzt  hat.  In ihm allein hat die große Freude ihren Ankerpunkt. An ihn kann sie sich im Leben und Sterben ketten. Dies erfordert auch, dass die Bibel als Buch „sui generis“ in ihrem Anspruch begriffen werden muss, gegenüber dem säkularen Wissenschaftsverständnis der Neuzeit. Hier setzt sich Sierszyn knapp, aber mit orientierenden Einsichten mit den „Eintrübungen“ des christlichen Glaubens durch die Religionskriege und den aus ihnen hervorgehenden Irritationen auseinander: mit der Subjektivität, einer rationalistischen Bibel ohne Geheimnis, die, wie der selbe Autor schon vor Jahrzehnten zeigte, die Bibel fest in den Griff  menschlicher Subjektivität bringen möchte. Historisch-kritische Theologie wird auf dem Weg von Troeltsch über Bultmann  seziert und selbst entzaubert. Unreflektiert schreibt sich dies in den wechselnden neuprotestantischen Trends fort, die in Öffentlichkeit und Politik auf eine pseudoreligiöse Hypermoral treffen und sich postfaktisch ihre Daten selbst erschaffen wollen. Sierszyn kann mit dem Schweizer Gegenwartsschriftsteller Thomas Hürlimann sagen; „Die Gesellschaft formiert sich zu einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert. In der Moralschwemmeist das Geheimnis abgesoffen“ (134).Solche Fragen und Anfragen richtet eine zunehmend desorientierte Gegenwart an die Christen – doch Kirche und Gemeinde bleiben die Antwort sehr oft schuldig. Im Corona-Jahr wäre, ungeachtet mancher „niedrigschwelliger digitaler Angebote“ die Bankrotterklärung um vielfache Beispiele zu erweitern.

Umso entschiedener richtet sich Sierszyns Blick auf Jesus Christus und die von ihm Zeugnis gebende Heilige Schrift. Er votiert dabei für einen mittleren Weg, der weder einem mechanistischen Inspirationsverständnis folgt noch den Erosionen durch die moderne Schriftkritik. Der mittlere Weg ist vielmehr der Weg einer inkarnatorischen Hermeneutik, die Inspiration als Geheimnis versteht und von dem Faktum ausgeht, dass Gott in seinem Wort handelt und spricht.

Ihre Tiefe erreichen Sierszyns Überlegungen, wo er die Heilige Schrift, die äußerlich genommen nicht den zwingenden Eindruck der Göttlichkeit nahelegt, vom gekreuzigten Christus her versteht. Christus ist mit den Zeilen der Meta Heusser von Hirzel am Zürichsee: „ im Erliegen Held“, der des Todes Bande durchbrach und so die Welt rettet.

Mit Dietrich Bonhoeffer weiß Sierszyn, dass die Heilsgeschichte von Christus her und auf ihn hin verstanden werden muss. Sonst bleibt sie in mythologischen und heidnischen Vorstellungsformen befangen.

Wenn die Freude aber Conditio sine qua non der Theologie ist, so ist sie, wie Sierszyn überaus treffend formuliert, „Lobpreis Gottes auf dem Felde des Denkens“. Aus  Lobpreis und  Bekenntnis ging die Theologie hervor, und diesen Ursprung sollte sie Sierszyn zufolge immer bewahren. Theologie muss das existenzielle Ergriffensein von Gottes Anrede mit der Lehre des Bekenntnisses verbinden. Daher spielen die Glaubensbekenntnisse, vor allem das Bekenntnis von Chalcedon und das Apostolikum eine Schlüsselrolle. Im Apostolikum als weltweitem Bekenntnis der Kirche wird festgehalten, dass und warum der Grund zur Freude in Jesus Christus, der Mitte der Zeit, gesetzt ist. „Denn Gott ist kein Mensch, dass er lügt! So tragen wir einander im gemeinsamen Bekenntnis der weltweiten Gemeinde. Mehr noch: wir werden getragen durch DEN, der uns liebt und sich für uns gegeben hat.“

Sierszyn weist den Weg zu dieser Freude aus Gott – nicht nur für Theologen mit Entschiedenheit, in einer Sprache von kraftvoller Entschiedenheit des Lehrers und liebevoller Zuwendung des erfahrenen Seelsorgers.

Ein solcher Glaube muss rechenschaftsfähig sein. Er ist keineswegs eine Privatangelegenheit. Und doch ist es angemessen, dass Sierszyn am Ende auf ein Grundmoment seiner Lebensgeschichte verweist. Geboren wurde er 1942.  Sein Vater kämpfte als Soldat in der Zweiten polnischen Schützendivision gegen die Nazi-Aggression im französischen Jura. Der Illusions- und Destruktionsgrad säkularer Ideologien war Armin Sierszyn lebenslang klar. Es sind Heilslehren ohne Gnade und ohne Gott. Eine Theologie, die sich daran anschließt verstrickt sich mit dem Wort Bodelschwinghs in  einer „Menschenknechtschaft“, einer nur vermeintlich liberalen Lehre, die aber tatsächlich grausam ist und „dem Evangelium das Mark aus den Knochen saugt“. Ebenso erfuhr Sierszyn von seinem Vater die Kraft der Vergebung, die sich aus der Gnade Gottes herschreibt.

Sie bringt seine herausragende Hinführung zum evangelischen Theologiestudium zum Leuchten. Armin Sierzszyn hat ein Buch geschrieben, das jugendliche Glut mit der Weisheit des Alters verbindet und Theologen ebenso wie die gesamte Gemeinde angeht!

Prof. Dr. Harald Seubert